Zu Hause versorgt: Hospital@Home als innovatives Versorgungskonzept
Bei dem Konzept Hospital at Home geht es darum, Patientinnen und Patienten in der eigenen häuslichen Umgebung auf Krankenhausniveau zu versorgen. Im Auftrag der Rhön Stiftung hat das inav in einem Scoping-Review 104 internationale Publikationen zur Versorgung von Patient:innen zu Hause oder im Pflegeheim ausgewertet.
Die Ergebnisse zeigen: Hospital@Home entlastet die stationäre Versorgung, steigert die Patientenzufriedenheit und senkt die Kosten. In Deutschland existiert das Konzept bisher nur in Pilotprojekten (z. B. das Innovationsfondsprojekt „VirtualWard – Telemedizinische Versorgung krankenhauspflichtiger Patienten in Pflegeeinrichtungen“) und ist noch nicht in der Regelversorgung verankert.
Methodik
Es wurden 104 internationale Publikationen aus 14 Ländern von unterschiedlichen Datenbanken herangezogen. Diese bestanden aus 71 Beobachtungsstudien (retrospektive Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien, Fallserien), 23 Metaanalysen und zehn randomisierten Kontrollstudien. Die meisten Studien (74) verfolgten ein quantitatives Design, vier Studien ein qualitatives und drei Beobachtungsstudien nutzten einen Mixed-Methods-Ansatz.
Zentrale Erkenntnisse der Studie
- Sicherheit und klinische Outcomes: Hospital@Home-Programme wurden überwiegend als sicher bewertet. Komplikationen treten selten auf und können meist ambulant behandelt werden. Teilweise zeigt sich sogar eine tendenziell geringere Mortalität und ein reduziertes Risiko für unerwünschte Ereignisse im Vergleich zur stationären Behandlung.
- Behandlungsdauer: Hospital@Home verkürzt die Verweildauer, besonders bei geriatrischen, pädiatrischen und onkologischen Patient:innen sowie bei COPD und typischen Infektionskrankheiten.
- Erfahrung: Die Zufriedenheit und Lebensqualität sind durchweg hoch, oft höher als bei stationärer Behandlung. Patient:innen schätzen den Komfort, die Einbindung in den Behandlungsverlauf und berichten von einem höheren Sicherheitsgefühl.
- Kosten: In den meisten Studien fallen die Behandlungskosten niedriger aus als in der stationären Versorgung, vor allem durch kürzere Aufenthalte und geringere Personal- und Strukturkosten.
Internationale Best-Practice-Beispiele
- USA (Huntsman at Home): Spezialisierte Teams (medizinisches und pflegerisches Fachpersonal in Verbindung mit lokalen Apothekenfachkräften sowie Sozialarbeiter:innen) versorgen Krebspatient:innen nach dem Krankenhausaufenthalt zu Hause. Im Vergleich zur konventionellen Versorgung konnten in einem Behandlungszeitraum von 30 Tagen Krankenhausaufenthalte um 55% reduziert und Behandlungskosten um 47% gesenkt werden.
- Schottland: Ausgewählte COPD-Patient:innen im NHS Lanarkshire erhalten virtuelle Visiten; 75 % können damit dauerhaft zu Hause behandelt werden. Rehospitalisierungs- und Sterberaten liegen auf dem Niveau konventioneller Behandlung. Kosten für Rettungsdienst und Notfallaufnahmen sinken deutlich.
- Spanien: In der Region Katalonien wurde im Rahmen eines regionalen Gesundheitsplans von 2011 bis 2015 Hospital@Home systematisch eingeführt. Das Programm des Parc Sanitari Pere Virgili sticht dabei besonders hervor. Mit dem Fokus auf geriatrische Rehabilitation und Onkologie versorgen spezialisierte H@H-Teams telemedizinisch ältere multimorbide Patient:innen. Ergebnisse: Mehr Tage zu Hause, kürzere Krankenhausaufenthalte, seltener Pflegeheimüberweisungen – bei vergleichbarer Mortalität.
- Israel (Sheba Beyond): Ein weltweit erstes virtuelles Krankenhaus mit telemedizinischer Betreuung (z. B. TytoCare-Gerät für Selbstuntersuchungen). Ergebnisse: Kürzere Behandlungsdauer, niedrigere Wiederaufnahmerate, 40 % geringere Kosten, signifikant geringere Mortalität
Herausforderungen in Deutschland
Trotz überzeugender Evidenz gibt es in Deutschland bisher lediglich Pilotprojekte (z. B. „VirtualWard“ in Hamburg/Hessen, „STAY@HOME–TREAT@HOME“ in Berlin). Die Studie identifiziert drei Haupthemmnisse:
- Sektorengrenzen zwischen ambulanter, stationärer Versorgung, Rehabilitation und Langzeitpflege
- Unzureichende technologische Infrastruktur (leistungsfähige Internetverbindung, unterbrechungsfreie Telemedizin, Echtzeitverfügbarkeit der elektronischen Patientenakte)
- Mangel an qualifiziertem Personal, besonders an akademisch ausgebildeten Pflegekräften (Advanced Practice Nurses), die in anderen Ländern zentrale Aufgaben übernehmen
Fazit
Das Konzept ermöglicht eine Win-Win-Situation, indem Kosten gesenkt und der Therapieerfolg sowie die Patientenzufriedenheit gesteigert werden. Hospital@Home könnte damit alle vier Ziele des „Quadruple Aim“ erfüllen: Gesundheit der Bevölkerung, Verbesserung der Patientenerfahrung, Senkung der Versorgungskosten und Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Personals. Das Konzept Hospital@Home ist international etabliert und bietet Lösungen für zentrale Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens, doch die Umsetzung hinkt hinterher.
[Hier geht es zur Publikation]
[Mehr Informationen über das Innovationsfondsprojekt „VirtualWard“]

